Alles ist gut

Der Plan für Samstag war, planlos in den Tag hineinzuleben. Herrchen hat mal wieder nix gemacht, ich glaub er war mit einem neuen Eintrag für Dixipedia beschäftigt.

Um zwanzig nach eins klingelte das Telephon. Frauchen sprach kurz, stand auf und sagte zu mir: Dixie, wir haben einen Einsatz, wir müssen Habca suchen.“ Augenblicklich habe ich meine Erythrozytenreserve in den Blutkreislauf ausgeschüttet und bin aufgeregt hin und hergelaufen. „Wo ist mein Geschirr, wo ist mein Geschirr! Macht mal schneller hier!“.

Dixie merkte tatsächlich, daß es gleich Action gibt, da wir den Rucksack packten und eine Wasserflasche füllten. Alles äußerlich ruhig und konzentriert, aber mit einer gewissen Spannung. Auf der Fahrt nach Mainz zum ausgemachten Treffpunkt überlegten wir Strategien und welches Geruchsobjekt sinnvoll wäre. Uns war klar, daß wir im Zweifelsfall uns mit dem zufrieden geben müssen, was vor Ort da ist, um keine Zeit zu verlieren.

Wir haben uns Mühe gegeben, die Sorgen zu unterdrücken und positiv zu denken um die Dixie richtig motivieren zu können. (Auch uns hat das geholfen.) In Mainz-Laubenheim angekommen parkten wir am Supermarkt um auf die Hundesitterin zu warten, welche uns den Ort zeigen sollte, wo Habca das letzte mal gesehen wurde. Beim aussteigen sagte Diana zu Dixie noch „Jetzt gehen wir gleich Habca suchen.“

„Habca? Suchen? Das Wort kenne ich, die Habca kenne ich. Ich riech sie schon. Was stehn wir hier noch rum? Kommt mit!“

Dixie zog die Hauptstraße entlang und wir liefen (ohne das zu dem Zeitpunkt zu wissen) am Haus der Hundesitterin vorbei. Nach ca. 100m wollte Dixie die Straße überqueren um in eine Nebenstraße einzubiegen. Wir wollten uns eigentlich nur die Beine vertreten und auf die Sitterin warten, aber im Nachhinein betrachtet waren klare Zeichen bei Dixie abzulesen, daß sie eine frische (oder gar die frischeste) Spur in der Nase hatte. Als die Hundesitterin kam, hatte sie Habcas Leine dabei, und auf unser Bitten holte sie noch die Hundedecke. Wir fuhren dann mit Miriam in die Weinberge oberhalb des Stadtteiles, wo Habca weggelaufen sei. Dort waren weitere Helfer, die wohl schon eine Weile die Gegend abgesucht hatten und uns auch erklärten, wie das passiert sei. Ein kleiner Platz zwischen den Reben mit einer Sitzbank war der Ausgangspunkt, dort haben die Beteiligten mit Habca gesessen. Dixie machte sich derweil schon selbständig mit dem Ort und den Gerüchen dort vertraut, schnupperte interessiert hin und her. Heute wollte Diana den Trail führen und entschied sich für die kürzere Leine, weil sie in den Reben leichter handzuhaben ist. Ich wies die anderen Helfer kurz ein um für Ruhe und Abstand zum Suchteam zu sorgen.

Frauchen packte nicht die Suchleine aus. Aber dafür hielt sie mir die Decke von der Habca unter die Nase und sage zu mir „Search“. „Na endlich, jetzt kanns losgehen!“ Und ich habe schnurstracks ohne nachzudenken rechts den schmalen Grasstreifen an den Reben entlang bergab gezogen. Direkt darunter war dann ein Weg, den wir nach rechts weiter sind. „Kommt Herrchen auch?“ Ok, ja, er folgt mit etwas Abstand. Also schnell weiter. Nach 200m, auf welchen links Gebüsch war, kam wieder ein Grasstück mit Reben, das sind wir gegangen um damit zum nächsten Weg abzukürzen. Dann ging es ständig bergab und Frauchen hatte offensichtlich Mühe beim hinterherfallen. Zwei meter vor uns lief ein Hase über den Weg. „Hab jetzt keine Zeit für dich, Kleiner. Ich muss grad arbeiten.“ Auch die Amseln und Tauben, die mich sonst immer so aufregen, habe ich gerne ignoriert. Mal schneller, mal langsamer habe ich den Weg verfolgt bis zu einer Stelle, an der links hinter hohem Gras ein Gefälle und ein Wildzaun war.

Hier direkt über dem Ort meinten wir, Dixie hätte eine Besonderheit angezeigt, und das Helferteam sollte genauer nachschauen, während Dixie schon wieder die Spur auf dem Weg verfolgte. Genau diese Stelle sollten wir etwas später auch von Unten wiedersehen, oberhalb einer Sackgasse, an deren Häusern und Eingängen Dixie eine Spur genauer untersuchte. Sie ist nicht an jeden Eingang, oft hat sie nur kontrolliert um dann wieder wegzuziehen.

Frauchen rief ab und zu „Haaaaaaabca“, das hat mich anfangs etwas verwirrt, aber sehr bald nicht weiter gestört. „Ja, ich weiß schon, wen wir suchen. Aehm, Frauchen… Du weißt schon, daß diese Spur hier schon mindestens zwei Mahlzeiten alt ist?“ Aber das haben meine Menschen zu dem Zeitpunkt nicht so genau verstanden.

Die Spur, auf der wir waren, war wohl nicht taufrisch. Die Art, wie Dixie lief und wechselnde Zugkraft zeigte, unterschied sich deutlich von ihrer Arbeitsweise bei einer frischen Spur. Hier war sie offensichtlich sehr konzentriert und nicht übermotiviert, wie sie es auf kurzen, frischen Trails gerne mal ist. Dennoch ging Dixie sehr zügig und bald hatten wir Miriam hinter uns verloren. Diana war voll konzentriert Dixie zu lesen, und ich war vollauf beschäftigt, mir den Weg zu merken, links und rechts zu schauen, Zeichen und Spuren am Rande zu finden. Miriam konnte nicht mehr so schnell und es war mir wichtig, Diana mit der Aurüstung die ich trug unterstützen zu können.

Wir machten bald einen Wasserstop, bei dem ich etwas trank, um meinen Durst zu bändigen und um meine Nase wieder feucht zu bekommen. Ein Stück weiter war eine Wegkehre, wo ich genauer untersuchte, wer da alles Pipi gemacht hat, und bin aber dann wieder zielstrebig weiter Talwärts gegangen. Es kamen Häuser, eine noble Ecke. Alles roch nach Rasendünger. Die Straße ging gerade aus, aber hatte links eine Abzweigung, der ich folgte.

Das war eine kleine Sackgasse, die bergauf auf einem kleinen Platz endete. Genau unter der Stelle, etwa 100m, wo Dixie oben schon angezeigt hatte. Ein absolutes Bonzenviertel. Kein Auto unter 2,2 Tonnen Leergewicht. Wir legten die zweite Wasserpause ein, und Dixie trank gierig aus der Flasche und aus meiner Hand. Bald begann sie weiter zu suchen und verfolgte einige Wege, die zu Hauseingängen führten.

Plötzlich bellte eine Frau aus einem Fenster herunter. „Weg da hier gibts keine Köter, finden Sie das toll hier rumzuschnüffeln? Wau Kläff Wau Grr Kläff…“. Mein Frauchen sagte freundlich etwas von suchen, aber die Bellschnepfe legte noch eins drauf. Da hat dann Frauchen angefangen wie ein Löwe zu brüllen: „Blestemat? s? fii, s?-?i pice mâinile ?i picioarele, sâ mergi pe limb? ca s? se cace câinele meu în drumul t?u!“* Uff.. So kenne ich sie gar nicht, das hat hier gar nichts mehr mit mitteleuropäischer Streitkultur zu tun… Aber danach gings ihr besser und sie lächelte wieder. Nun macht Frauchen sich Sorgen, sie könnte die Agression auf mich übertragen und ich könnte am Ende noch scharf werden.

Das hat uns schon ziemlich aus dem Konzept gebracht. Im Nachhinein muß man allerdings betonen, daß wir in dem Stadteil im weiteren Verlauf nur wirklich tolle, freundliche, hilfsbereite und besorgte, mitfühlende Menschen getroffen haben, die auch rückgefragt haben wie denn die Gesuchte hieße, wie sie aussähe und wen sie anrufen könnten, falls sie etwas sähen. Im weiteren Verlauf wurden die Straßen immer bekannter. Wir haben jeden nach einem kleinen schwarzen Hund gefragt und sind der Straße im altstädtischen anmutenden Teil gefolgt. Nach etwa einer Stunde mussten wir alle eine Pause machen. Ein Winzer um die Ecke hat uns wie selbstverständlich mit Wasser versorgt, ein Radfahrer von vorhin hat uns wiedererkannt und sich nach dem Status erkundigt. Wir warteten auf Miriam und es war auch für sie höchste Zeit, etwas Pause zu machen. Nicht nur die Füße voller Blut wollten verarztet werden.

Bald jedoch sind wir weiter, Dixie wurde neu angesetzt und hat sofort eine Richtung gewählt, die zur Hauptstraße, wo die Hundesitterin wohnt, führte. Miriam bestätigte uns anhand Dixies Verhalten, daß viele für Habca typische Bewegungsmuster in der Spur seien, daß sie hier oder dort auch schon einmal gewesen seien. In einer Gasse letztendlich kam der erlösende Anruf, Habca sei gefunden worden. Nach ein paar Minuten war auch klar, daß die Kleine wohlauf und in Sicherheit ist. Wir haben uns einen Platz zum Ausruhen gesucht und mit einem Basistrail Dixies Suche mit einem Erfolgserlebnis beendet. Eine Karte der Umgebung findet ihr bei Miriam im „The Philosopher’s Dog“. Der Trail lief vom roten Pfeil in weitem Bogen nach Süden und dann wieder nach Norden bis fast zum grünen Pfeil.

Meine Menschen haben am Ende ihr Auto geholt und wir sind zusammen ein Stück gefahren, wo wir Habca dann getroffen haben. Mann, hab ich mit ihr geschimpft.

Obwohl wir selbst Habca nicht gefunden haben, war die Suche sehr erfolgreich. Sie hat zumindest zur Moral der Beteiligten beigetragen, wir haben nichts unversucht gelassen, und wir haben wesentliche Gebiete, wo Habca vermutet wurde, zumindest ausschließen können. Der Suchweg war im nachhinein sehr plausibel, Habca-typisch, jedoch passte Strecke und Zeiten nicht mit allen anfänglichen Zeugenaussagen.

Heute sind wir alle platt und haben Muskelkater 🙂 Und wir sind sehr, sehr glücklich, daß wieder alles gut ist.

* Kurze, nicht jugendfreie Übersetzung: Mögen dir Hände und Füße abfallen, auf daß du auf der Zunge kriechst und dir mein Hund in den Weg scheißt!

Wir bedanken uns sehr bei den vielen Menschen, die Miriam beigestanden haben, den Freunden von Miriam, die uns herumgefahren und versorgt haben, den Einwohnern von Mainz für ihr Verständnis, ihr Wasser und ihre Anteilnahme, und bei Miriam für ihr Vertrauen in uns.

Hier endet der öffentliche, subjektive und emotionale Teil der Berichterstattung. Bitte verzeiht das folgende Gebabbel, aber dieser Blog ist halt auch ein Tagebuch 🙂

  • Trail Nr. 2008/07 Hund: Dixie, Hundeführer: Diana
  • Hund gestartet: ~14:15, Trail beendet: ~16:00
  • Strecke: ca. 6km
  • Trailleger: bekannt, Hund, Habca von Tila-La
  • Trailliegezeit unklar, lt. Zeugen 1-2h, andere Umstände sprechen gegen die Zeugenaussagen für >12h
  • Wetter: kurz nach Gewitter leicht bewölkt, 90% Luftfeuchtigkeit, Untergrund zunächst feucht, später trocken. Schwül.
  • Temperatur 20-24°C, Wind schwach, wechselnd
  • Untergründe/Umgebung: Feld: Gras, Teer, Innerorts: Pflaster, Teer. Weinberge und Wohngebiet
  • Geruchsträger: Textil, Hundedecke
  • Suchmotivation: ausgeprägt, Triebkonsistenz beständig,
  • Spurtreue unklar, keine verlässlichen Zeugenaussagen für den größten Teil des Trails. Spur aber lt. Miriam typisch für Habca Wir vermuten, daß die Spur ein früherer Spaziergang war.
  • Habca haben wir letztendlich nicht gefunden, da mittlerweile zu weit weg

Wir lernen:

  • Unbekannte Zeugen mit Schuldgefühlen sind in ihren Aussagen nicht verlässlich, ist aber in so einer Situation auch verständlich.
  • Wir brauchen mehr Wasser, Dixies Durchschnittsverbrauch liegt über 2 liter/h, die Helfer brauchen auch Wasser.
  • Die Suche wäre spätestens an der nächsten Bundesstraße beendet gewesen, ohne öffentliche Träger gehen wir privat sicher nicht auf eine Autobahn.
  • Ruhe auszustrahlen (so schwer es fällt) ist extrem wichtig.

P.S.: Hier die Skizze


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Kategorie Diary, Mantrailing | Schlagwort , | 6 Kommentare

6 Responses to Alles ist gut

  1. Dixie, ich bin ganz stolz, so eine toller Sucherin zu kennen und dass du meine Blogfreundin bist. Fast 2 Stunden hast du die Habca gesucht. Das ist eine ganz fantastische Leistung. Dafür darfst du sicher mal eine Extrarunde rennen. 😉

    Und dein Frauchen und Herrchen haben sich als zuverlässige Freunde erwiesen, die sofort zur Stelle sind, wenn man sie braucht. Ihr habt das ganz großartig gemacht.

    Gut dass alles gut ausgegangen ist.

    Ganz viele Knuddelgrüße an den schwarzen Blitz
    von Banjo und seinem Frauchen.

    PS: Hoffentlich wirkt der Fluch. Welche Sprache war das?

  2. Emil says:

    Toller Einsatz!
    Wir sind sehr sehr froh, dass alles gut ausgegangen ist.
    Wuff,
    Emil & co.

  3. Wurschti says:

    Vergiss nicht mich daran zu erinnern, dass ich dir für die Leistung meinen Lieblingsknochen abtrete. Aber nur gegen ein Seminar bei dir! 🙂

    Viele Grüße vom Wurschti

  4. Hoshi says:

    Unseren Glückwunsch zu dieser grossartigen Suchleistung auch noch mal hier direkt 🙂

    Wüffchen
    Hoshi *will auch so werden*

  5. Ash says:

    Wir sind noch immer von deiner Leistung fasziniert, aber verrate uns doch bitte welcher Sprache der „blumige“ Spruch entstammt. (Eine Hörprobe zum Auswendiglernen hätte ich auch gerne. Der Satz ist einfach zu schön.)

    Du bist für uns die Heldin des Monats – ach quatsch – des Jahres!

  6. Dixie says:

    Vielen Dank für das Lob, aber bitte bitte übertreibt nicht, ich hab ein Problem mit dem Wort „Held“. Aus hundischer Sicht war die Aktion ein Riesenspass, aus der Sicht meiner Menschen ein Drama. Die waren voller Angst, voller Sorgen, sichtlich verstört und wir haben nur versucht, im Rahmen unserer Möglichkeiten zu tun, was nur selbstverständlich scheint.

    Am Ende haben wir nicht wirklich zum dem letztendlich doch glücklichen Ausgang des Tages beigetragen, das waren andere Menschen.

    Wir waren aber der Meinung, daß ihr ein Recht auf Details unserer Erlebnisse habt. Darum geht es in diesem Blog ja im Wesentlichen.

    Dennoch nehme ich gerne Wurschtis Angebot über den gebrauchten Lieblingsknochen in Anspruch 🙂 . Und sehr gerne bitte ich Frau Chen, eine Hörprobe zu erstellen. Die kann Banjo für seinen Lieblingsfeind auf den Anrufbeantworter spielen oder Ash’s Herrchen bei passender Gelegenheit einwerfen. Aber denkt daran: der Gebrauch des Spruches kann dem Karma schaden 🙂 Die Sprache ist Alt-Transsilvanisch, aus den dunklen Karpaten. Dort nimmt man nicht alles wörtlich und schon gar nicht ernst… Solche Sprüche/Flüche benutzt man um mal kurz Dampf abzulassen und dann ist alles wieder gut – eben eine andere (Streit)Kultur mit deutlich
    weniger Herzinfarkten.

    WuffWedel,
    Dixie

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